Der bekannte Zürcher Architekt Markus Schaefle ist ein Schaffhauser. Im zweiten ArchitekturGespräch von 2026 präsentierte er sein Lebenswerk unter dem Titel «Architektur und Gemeinschaft» und würdigte dabei den Einfluss seiner Lehrer und Vorbilder.
Text: Viviane Ehrensberger
Der Rückkehrer wird in einem vollen Haus empfangen. Teils Szene-, teils Jahrgangstreffen, werden im TapTab schon zu Beginn Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Wangen geküsst. Markus Schaefle ist ein Schaffhauser, auch wenn er sein ganzes Berufsleben in Zürich verbrachte. Christian Wäckerlin verzichtet auf die übliche Vorstellung und lässt den Architekten selbst den Anfang machen, mit einem dem Publikum wohlbekannten Bild des Schaffhauser Rheinufers. Diese Aussicht aus seinem Kinderzimmer in der Breite habe ihn geprägt, aber auch sein Zeichnungslehrer Werner Schaad im GEGA und nicht zuletzt die Kanti, als Gebäude selbst, 1967 von Walter Maria Förderer erbaut. Die Architektur liegt vielleicht auch im Blut, sein Grossvater war Architekt, genauso wie es jetzt sein Sohn Phillip ist, eine regelrechte Architektendynastie.
Um Bauen geht es schon auch, und doch rückt es in den Hintergrund, ganz wie die Hochhäuser im eingangs gezeigten Luftbild. Den Auftakt macht Markus Schaefle mit einem kurzen Text, der seinen grossen Lehrer Aldo Rossi spüren lässt:
Architektur ist das ideale Medium, um die Durchlässigkeit von Privat zu Öffentlich zu gestalten, Räume zu verbinden und Gemeinschaften zu ermöglichen.
Jedes Projekt stellt eine Chance dar, aus komplexen und oft widersprüchlichen Bedingungen neue Orte zu schaffen.
Unsere Geschichte und unsere Geschichten sind dabei wertvolle Quellen, oft genügt es, bestehende Qualitäten zu erkennen und weiterzuverwenden.
So besteht die architektonische Arbeit im wohlüberlegten Erhalten, Erneuern, Ergänzen und Ersetzen.
Der Rossi-Plan in der Präsentation von Schaefle, der die Erdgeschoss-Grundrisse der Innenstadt von Zürich zeigt, verfehlt bis heute seine Wirkung nicht. Schwarz die Mauern und Stützen, aber vor allem viel Weiss, das durch Fenster- und Türöffnungen in die Gebäude fliessen darf. Was wäre, wenn der öffentliche Raum nicht an der Fassade endete? Christian Wäckerlin lädt ein, auch Schaffhausen so zu denken: Wo sind die überraschenden Achsen, Verbindungen durch halböffentliche Gebäude hindurch, neue Bezüge, die sich ergeben dürfen?
Schaefles Professoren hiessen neben Rossi noch Hoesli und Hofer, die Mitstudenten in der «Koje» Meili und Sik – es muss eine aufregende Zeit gewesen sein an der ETH. Während Schaefle das erste Jahr noch im Semperbau verbrachte, zügelte die Architekturabteilung in seinem zweiten ins Globus-Provisorium. Hier sorgte die Ausstellung «Tessiner Tendenzen», die vor genau 50 Jahren eröffnet wurde, für Furore unter den Studierenden, und bei Schaefle für die Verschiebung des Diploms um ein Jahr, um bei Mario Campi arbeiten zu können. Nach dem Studium landete er bei Theo Hotz, wo ihn ein junger Mitarbeiter namens Franz Romero eines späten Abends nach einem Missgeschick mit einem Teppichmesser mit seiner Alfa Romeo Giulia ins Spital fuhr. Nicht nur Liebesgeschichten dürfen schicksalshafte Anfänge haben, sondern auch langjährige Bürogemeinschaften. Bezeichnenderweise sass Franz Romero im Publikum und ergänzte auf Nachfrage mit einem Schmunzeln die Anekdote.
Zehn Jahre hätten sie nichts als Wettbewerbe gemacht, erzählt Schaefle. Erst ein Studienauftrag für Ernst Basler & Partner brachte 1996 den Durchbruch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Baustellenbilder zeigt die zwei Häuser an der Mühlebachstrasse von hinten, entblösst, die Deckenbalken ragen wie Zahnstocher ins Leere. Die Strassenfassade zeugt mit ihren Erkern noch von der Geschichte, im Innern wird der Korridor aufgeweitet, fliesst und ergiesst sich in die Cafeteria im dichten grünen Innenhof, deren Dachterrasse wird zur Insel. Ob diese Radikalität und der unzimperliche Umgang mit historischer Bausubstanz heute noch möglich wäre?
Es ist dieses Projekt und die enge Zusammenarbeit mit den Ingenieuren, die Schaefle zu den Normen führten, beziehungsweise deren Fehlen beim Bauen im Bestand. In der Folge engagierte er sich beim SIA für die Norm 469, «Erhaltung von Bauwerken». Diese führte Begriffe ein für den ganzen Gebäudezyklus, Neubau – Überwachung – Erhaltung – Veränderung und erst dann, wenn Anpassung, Umbau, Transformation und Erweiterung an ihre Grenzen stossen, wieder zu Abbruch und Ersatzneubau.

Die Verantwortung der Architekten, so Schaefle, liegt auch in der Vermittlung. So engagierte er sich ehrenamtlich neben dem SIA und dem BSA, wo er bis 2015 Vizepräsident des BSA Schweiz war, auch im Vorstand des Vereins Archijeunes für die baukulturelle Bildung. Bei Christian Wäckerlin rennt er damit offene Türen ein. Der Präsident des Schaffhauser Architekturforums punktiert den Vortrag mit gezielten Nachfragen und kurzen Ausführungen, um die klingenden Referenzen und Abkürzungen für interessierte Laien zu kontextualisieren.
2002 gewannen Romero Schaefle den Wettbewerb für die Sanierung der Schulanlage Schönau. Auch hier scheint der Geist von Rossi umzugehen, filigrane Glaswände bloss trennen den Aussen- vom Innenraum, die Klassenzimmer um eine Art Kreuzgang angeordnet. Die Schule lebt von ihrem Sichtmauerwerk, und Romero Schaefle scheuten keinen Aufwand, um einen neuen Backstein zu entwickeln und damit die schadhaften Fassaden zu ersetzen. Für den massgefertigten Stein mit Isolation und Hinterlüftung entwickelten sie eine eigene Norm, den Grundriss behielten sie genauso bei, wie er war.
Dass Schaefle sich in seiner Arbeit genauso sehr für den Kontext, die Umgebung, den öffentlichen Raum interessiert, wie für das Gebäude, zeigt sich exemplarisch am SIA-Hochhaus. Die neue Fassade ist eine Hommage an Brancusis endlose Säule, die Auffaltung generierte zusätzliche Ausnützung, die anderswo eingespart werden musste. So öffnet sich seit 2008 der Strassenraum unter dem Querbalken durch zum Schanzengraben, Vogt Landschaftsarchitekten verwandelten den einstigen Hinterhof zur Piazza. Lediglich die konischen Stützen verraten die Verwandtschaft des Balkens zum Hochhaus, und bei zweiteren sind sie nur zur Schau, aus purer Freude an der schönen Form. Auch das soll Platz haben in der Architektur.
Der Umbau des Hotel Greulich von 2004 evoziert noch einmal Aldo Rossi. Durch geschicktes Verhandeln mit dem Bauherrn konnten die Mietwohnungen beidseitig des prägnanten Eckbaus erhalten und nach einer Sanierung der Bewohnerschaft zurückgegeben werden. Die Hotelgäste gehen durch einen hölzernen Tunnel in den birkenbestandenen Innenhof, wo statt der ehemaligen Lagerhalle nun Hotelzimmer in zwei länglichen, japanisch anmutenden Betonbauten auf sie warten. Durchs Gebäude hindurch wird der Innenhof mit dem Strassenraum verknüpft.
Markus Schaefle schliesst die Projektvorstellung mit der Metzgerhalle Oerlikon. Romero Schaefle ergänzten hier den prägnanten Bau am Sternen Oerlikon mit einer neuen Flanke, hangabwärts Richtung Tramdepot. Als Artverwandter nimmt der Neubau zunächst das Fensterformat des Bestands auf und geht dann über in eine eigene Sprache mit Bandfenstern, Glasbausteinen und abgerundeten Erkern. Wer die Baustelle verpasst hat, könnte beinahe denken, das Gebäude stand da schon immer, und wird erst von unten kommend staunen über die expressive Giebelseite. Das Restaurant Metzgerhalle erhielt ein subtiles Upgrade, die zurückhaltende Akustikdecke, der Schachbrettboden und die neuen Leuchten verwandelten die Raumstimmung geschickt von «muffig» in «Retro». Die Stammkundschaft kehrte gerne zurück.
Den Bogen zu Schaffhausen findet Markus Schaefle mit einer Reflexion zu seiner Zeit in der Stadtbildkommission der Stadt Schaffhausen. Rückblickend findet er auch kritische Worte für diese Arbeit, so beschäftigten sie sich ausführlich mit Altstadtsituationen, während grössere städtebauliche Entwicklungen wie beispielsweise im Mühletal durchgewunken wurden. Das Verwaltungsgebäude der Georg Fischer AG von Karl Moser hätte ein würdiges Gegenüber verdient, das Quartier ein richtiges Zentrum. Schaefle plädiert für den immer seltener werdenden Ideenwettbewerb, um genau in solchen Situationen das Möglichkeitsspektrum aufzuzeigen.
Aktuell beschäftigt sich Markus Schaefle intensiv mit dem Werk von Walter Maria Förderer, dem Architekten «seiner» Kanti Schaffhausen. Ganz nach der Weisheit «Zukunft braucht Herkunft» setzt er sich für die Würdigung der Arbeit des Schaffhauser Architekten und Bildhauers ein. Wie sehr Markus Schaefle selbst an seinem Herkunftsort geschätzt wird, beweist der ausgedehnte Applaus zu Ende des Gesprächs.











































