Die ehemalige Gaserei im Schaffhauser Mühlental gehört zu den eindrücklichsten Industriebauten der Region – und ist zugleich fast gänzlich unbekannt. Eine Ausstellung von Timo Bauer, ein historischer Input Lukas Wallimann und eine Podiumsdiskussion mit Flurina Pescatore machten den Bau für einen Abend zugänglich und stellten die Frage, wie mit einem aussergewöhnlichen Industrieerbe umzugehen ist.
Text: Viviane Ehrensberger
Bilder: Pierre Néma
Die Mühlentalstrasse wurde nicht für Fussgängerinnen konzipiert. Das fällt an diesem heissen Junitag noch stärker auf. Nach der Stahlgiesserei stadtauswärts beschleunigen die Autos, das rechte Trottoir löst sich auf, die linksseitige Stützmauer wirft die pralle Sonne gnadenlos zurück. Ein Stück Bahnschienen mit historischer Lokomotive und Güterwagen der Georg Fischer AG bildet den Auftakt für das, was kommt: Industriebauten mit durchgerasterten Fassaden, erbaut für effiziente Abläufe, nicht für den menschlichen Massstab. «Medipack AG» prangt an einer Passerelle, und dann plötzlich, ein Backsteingebäude wie ein Leuchtturm. Die Stützmauer hat die Seite gewechselt, eine Ausbuchtung gibt dem Gebäude Raum, auch wenn sie nur als Parkplatz genutzt wird.
Es ist die Eingangssituation, die verrät, dass dieses Gebäude nicht öffentlich ist. Überall dort, wo ein Haupteingang zu erwarten wäre, ist es zugemauert. Stattdessen führt der Zugang zur ehemaligen Gaserei rückwärtig über den Parkplatz und eine Laderampe. Die Augen brauchen einen Moment, um sich vom gleissenden Licht umzustellen. Dann: Ein kathedraleartiger, introvertierter Raum, Licht und Klang durch die strassenseitige Fassade mit Milchglasfenstern gefiltert und gedämpft. Ein schlankes Stahltragwerk strukturiert den Raum und entlarvt den Backstein als dünne Aussenhaut. Die Halle ist leergefegt, ausgeräumt, einzig an den Wänden sind Reststücke von Aufputzinstallationen zurückgeblieben. Aber das, was noch da ist, ist erstaunlich gut erhalten, zeigt keine Spuren von Zerfall oder Vandalismus. Dass es solche Räume noch gibt, noch zu entdecken gibt.
Von der Kohle zur Kohlezeichnung
Das muss auch Timo Bauer gedacht haben, als er die ehemalige Gaserei für seine Ausstellungsidee erkundete. Der junge Architekt war einst Schüler von SCHARF-Präsident Christian Wäckerlin und blieb dem Architekturforum verbunden, zuletzt mit Auftritten an den Pecha-Kucha-Abenden und Architekturgesprächen. Ein niedriger Steg quert den Raum, darauf ordentlich ausgelegt, rund 150 Kohlezeichnungen. Es sind Studien von Kesselhäusern, Brechertürmen, Förderbandanlagen, Maschinenhäusern, Hochöfen, Industriehallen; Gesamtansichten, Fragmente, aber auch skizzierte Grundrisse und Schnitte, die sich in markanten Ausschnitten von den weissen Blättern abheben. Entstanden sind sie über mehrere Reisen nach Grossbritannien und nach Japan, teilweise finanziert durch ein Ernst-Schindler-Reisestipendium.
Die Zeichnungen verführen. Sie wirken präzise, entlang von Hilfsachsen perspektivisch akkurat entwickelt, und entziehen sich doch der eindeutigen Interpretation. Welches Gebäude hier abgebildet ist, ob es noch in Betrieb oder schon lange stillgelegt ist, und was es genau Timo Bauers Interesse auf sich gezogen hat, bleibt offen. Es sind fremde Typologien, die hier abgebildet sind, entstanden nicht aus ästhetischen Überlegungen, sondern aus reiner Funktion. Timo Bauer reiht sich mit seiner Faszination für diese anonymen Infrastrukturbauten und ihren Formen ein in eine lange Architekturtradition. In einem Katalog ergänzt er die Zeichnungen mit Dokumenten aus den Konzernarchiven, die eine gesellschaftliche Komponente einbringen. Sie lassen erahnen, wie sehr die Identität der lokalen Bevölkerung mit diesen Bauten verknüpft war, wie ihre Leben mit dieser Industrie verwoben – und wie sie von ihrer Stilllegung erodiert wurden.
Ein Industriebau gegen alle Widrigkeiten
Die Ausstellung bot dem SCHARF den Rahmen, über die Geschichte der ehemaligen Gaserei zu sprechen und deren möglichen Zukunft. Lukas Wallimann, Denkmalpfleger der Stadt Schaffhausen, führte in einem Inputreferat durch die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Baus. Denn das Gefühl, hier an einem besonderen Ort zu stehen, trügt nicht. Dieser Talkessel wurde durch den natürlichen Verlauf der Durach geformt und war ein beliebtes Naherholungsgebiet, bis der Bach 1921 durch die sich von der Stadt her ausbreitende Georg Fischer AG eingedolt, die Felsformationen zerstört und das Tal mit grossen Stützmauern für die Industrie nutzbar gemacht wurde. Die begradigte Strasse spielte Raum frei für Installationsplätze, an diesem Ort ursprünglich für eine Torfgaserei, um Gas für die talwärts liegende Stahlgiesserei zu produzieren. Entlang des Hanges verlief die Werkbahn.
Der Kölner Architekt Emil Rudolf Mewes, der auch die Backsteinfassaden der Stahlgiesserei gestaltete, entwarf 1939 ein modernes Kohlegaswerk für diesen Ort – dann brach der 2. Weltkrieg aus. Stahl und Beton wurden rationiert, die Rohstofflieferung aus Deutschland eingeschränkt und die Kommunikation erschwert. Und doch schaffte es die Georg Fischer AG, weiter zu planen und die deutschen Fachleute nach Schaffhausen zu holen. 1942 beauftragte sie telegrafisch die Heinrich Koppers AG in Essen, einen führenden Anlagenbauer, mit der Herstellung der Gaserei. Die komplette Kruppstahlkonstruktion und der grösste Teil der Innenausstattung wurden 1943 in Essen vorgefertigt. Während der Kriegszeit lag der Fokus auf Diversifikation, um die Abhängigkeit vom Ausland zu vermindern wurde sogar wieder Kohle in der Schweiz abgebaut. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass die Gaserei, bestehend aus Kohleturm, Generatorenhalle und Gebläsehaus, trotz allem 1944 mit einer Schweizer Montagefirma errichtet werden konnte – mehr Zeitzeuge geht nicht. 1956 wurde sie mit dem Zürcher Architekten Adolf Kellermüller der sich gestalterisch stark an Mewes orientierte, um einen Heizzentralen-Trakt erweitert.
Was bleibt von der Industrie?
Heute ist die Gaserei ein inventarisiertes Objekt mit überregionaler Bedeutung aufgrund ihrer einzigartigen Geschichte und Gestaltung. Ein Objekt allerdings, das der Bevölkerung nicht zugänglich ist – und vielen sicherlich unbekannt. Christian Wäckerlin hat zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen, um einerseits über die Ausstellung zu diskutieren, hauptsächlich interessiert ihn aber die Perspektiven von Timo Bauer als Vertreter einer jungen Architektengeneration und Flurina Pescatore als kantonale Denkmalpflegerin zur Zukunft der Gaserei und, weitergreifend, des Mühlentals. Flurina Pescatore beschreibt die Ausstellung als stilisierte Reise durch die Industriegeschichte, frei von Staub, Gestank und Verkehr, die den Blick freigibt auf die Schönheit der Ingenieursbaukunst. Timo Bauer bestätigt: ohne die Zeit erlebt zu haben, ohne persönliche Vorbehaltung konnte er sich rein auf die Ästhetik konzentrieren.
Flurina Pescatore zieht eine Parallele zum Mühlental, deren industrielle Ära 1991 mit der Schliessung der Stahlgiesserei zu Ende ging. Nun stellt sich die Frage nach dem Umgang mit diesen Gebäuden, die nicht für Menschen geplant wurden, sondern als Grossmaschinen funktionierten. Es ist bereits viel Industriekultur verloren gegangen, die leeren Räume zeugen davon; das, was noch da ist, soll geschützt werden. Die Denkmalpflege beschäftigt sich mit den verschiedenen Bedeutungsebenen und versucht, ihnen mit einer Priorisierung gerecht zu werden. Im Falle der Gaserei kann das etwa bedeuten, dass der verschlossene Charakter zur Strasse beibehalten werden muss, auch wenn es der zukünftigen Nutzung widerspricht. Ob aber der grosszügige Innenraum frei bleibt – wie von Christian Wäckerlin aus heutiger Sicht erwartet – oder etwa, wie historisch der Fall war, wieder ein Zwischenboden eingezogen wird, sei aus denkmalpflegerischer Sicht untergeordnet.
Weiterbauen und weiternutzen
Christian Wäckerlin reflektiert die Rolle von Adolf Kellermüller, der den Wert im Bau von Mewes erkannt und in dessen Handschrift, wenn auch als Massivbau, weitergeführt hat. Er fordert Timo Bauer heraus, ob er als junger Architekt sich vorstellen könnte, einen historischen Bau in dieser Art weiterzuschreiben? Timo Bauer bringt als ein vorbildliches Beispiel das Tate Modern in London, das Herzog & de Meuron sorgfältig saniert, aber auch selbstbewusst ergänzt haben. Um zurück ins Mühlental zu kommen, spielt Wäckerlin den Ball an Pescatore zu und fragt, ob diese Art der Transformation in der ehemaligen Stahlgiesserei gelungen sei. Der Vergleich, so Pescatore, hinkt: während die Gaserei ein Einzeldenkmal sei, handelt es sich bei der Stahlgiesserei um ein Areal, eine Reihe von aneinandergehängten Industriehallen – keine Architektur im Sinne eines Gebäudes, die Fassaden sind lediglich Kulissen. Doch die Transformation zu einem Stadtteil mit öffentlichem Park sei gelungen, die Stahlgiesserei in Schaffhausen angekommen.
Im Hinblick auf die Gaserei bedauert Pescatore, dass seit der Nutzung der Gaserei durch SH Power und ein Hochregallager keine Zwischennutzung zustande gekommen sei – bis auf diese Ausstellung, wie Wäckerlin augenzwinkernd interveniert. Pescatore bleibt dabei, Zwischennutzungen mit einem Angebot für eine breite Bevölkerung, nicht nur Architekten, seien der wichtigste Transformationsmoment für ehemalige Industrieareale. Wenn es eine Umzonung gibt, gibt es Mitwirkungsprozesse von der öffentlichen Hand – die Stadt kann mitreden und Einfluss nehmen. Wenn bereits eine Zwischennutzung besteht, kann darauf aufgebaut werden, statt einem Gebäude einen neuen Zweck überzustülpen.
Die Lage als Argument
Mit der Öffnung der Diskussion verschiebt sich der Fokus von der Denkmalpflege auf die Stadtentwicklung. Rasch kreist das Gespräch um die Frage, weshalb Zwischennutzungen in einem Land mit knappen Baulandreserven oft Jahre auf sich warten lassen. Mehrfach fällt der Vergleich mit der Kammgarn: Auch dort sei der Weg lang gewesen, doch gerade die kulturelle Aneignung habe den Boden für die heutige Entwicklung bereitet. Aktuell zeigt das ehemalige Gaswerkareal, welches Potenzial aus einem kreativen Milieu entstehen könne. Ob Ähnliches im Mühlental möglich wäre, hängt für viele an der Lage. Während einzelne Stimmen den Standort als zu abgelegen für publikumsintensive Nutzungen einschätzen, widersprechen andere. Die Distanz zum Bahnhof sei kaum grösser als zur Kammgarn. Ein Zürcher Gast bemerkt mit einem Schmunzeln, wie sehr die Schaffhauser auf ihre Innenstadt fokussiert seien.
Flurina Pescatore verweist auf den Wasserturm im hinteren Mühlental. Dessen Rettung sei wesentlich seiner hohen Sichtbarkeit und dem öffentlichen Engagement von Nick Wangler zu verdanken gewesen. Die Gaserei hingegen bleibe trotz ihrer aussergewöhnlichen Geschichte weitgehend unsichtbar. Lukas Wallimann nennt als Beispiel die Turbinenhalle am Lungerersee in Giswil, deren Ausstrahlung trotz peripherer Lage weit über die Region hinausreiche. Schaffhausen, so sein Fazit, verfüge beinahe über das Luxusproblem, dass mehrere aussergewöhnliche Industrieräume gleichzeitig auf eine neue Aneignung warten.
Wenn nicht Kultur, was dann?
Fast alle Beispiele des Abends eint eines: Am Anfang stand eine kulturelle Nutzung. Christian Wäckerlin wirft deshalb die Frage auf, ob Kultur zwangsläufig der Motor solcher Transformationen sein müsse, und ob sie damit nicht auch politischen Widerstand provoziere. Aus dem Publikum wird an die Geschichte der Kammgarn erinnert: Die Umnutzung zum Kulturzentrum scheiterte zunächst an der Urne, bevor sie dank einer breit getragenen Privatinitiative doch Realität wurde.
Für die Gaserei kursieren an diesem Abend unterschiedlichste Ideen – von Sportanlagen über eine Markthalle bis zu experimentellen Veranstaltungsformaten. Für Flurina Pescatore ist jedoch weniger die konkrete Nutzung entscheidend als ihre Einbettung in die Gesamtentwicklung des Mühletals. Monofunktionale Areale hätten heute einen schweren Stand; gefragt seien vielfältige Programme, die sich gegenseitig stärken. Gerade temporäre Nutzungen könnten dabei eine wichtige Rolle übernehmen, weil sie Bedürfnisse sichtbar machten, bevor langfristige Entscheide gefällt würden. Dass die Gaserei bis heute weitgehend ungenutzt geblieben ist, führt Pescatore auf die Interessen der Eigentümer zurück: Wer sich Leerstand leisten könne, halte sich oft möglichst viele Optionen offen. Aus denkmalpflegerischer Sicht gelte jedoch das Gegenteil. Nicht der Leerstand schütze ein Gebäude, sondern seine Nutzung. Der Ball liege nun bei der Stadt, entsprechende Zwischennutzungen aktiv einzufordern – gerade im Mühletal, dessen Zukunft mit der erfolgten Testplanung langsam Gestalt annimmt.
Präsentation Amt für Denkmalpflege und Archäologie Schaffhausen
→ Gaserei Mühlental – im Kessel, Lukas Wallimann
Bildergalerie zum Podium «Gaserei» Geschichte, Bau und Erbe
Bildergalerie Vernissage Timo Bauer «Zwischenlandschaften»
























