Viele Architektinnen und Architekten wären gerne Schreiner, und wenn, dann so wie Silvio Köhle. Der Gestalter reflektiert am dritten ArchitekturGespräch seinen Formfindungsprozess, die Zusammenarbeit mit Auftraggebenden und die Zukunft des Handwerks.
Text: Viviane Ehrensberger
Der Vortrag beginnt mit einem Schweigen. Auf Christian Wäckerlins Bitte, Silvio Köhle soll doch ein paar Worte zu sich und seinem Werdegang erzählen, hält dieser zunächst inne. Schnell wird klar, dass Köhle lieber sein Werk sprechen lässt.
Der gelernte Schreiner hat seine Nische gefunden: Kunstobjekte, Möbel und Farbgestaltung. Das erste Projekt aus seiner Präsentation ist ein Objekt ohne Bestimmung, er nennt es einen «Farbträger». Ein solches Objekt ist Christian Wäckerlin in einer Ausstellung in der Vebikus Kunsthalle Schaffhausen vor beinahe 20 Jahren erstmals aufgefallen und hat ihn sofort in seinen Bann gezogen. Wäckerlin schwärmt von Köhles Werkstatt in Stein am Rhein, eine ehemalige Schreinerei, ein Glücksfall, wie Köhle sagt. Jahr für Jahr nutzt Wäckerlin den Tag der offenen Werkstatt, um bei ihm reinzuschauen.

Köhle sammelt Abschnitthölzchen und nutzt sie, um zwischen den Aufgaben des Tagesgeschäfts Ideen räumlich aufzuskizzieren. Die hellen Streifen am Rand eines Teakbretts zum Beispiel werden abgeschnitten, weil sie nicht wetterfest sind. Köhle fügt sie zusammen: Acht Hölzli, gestapelt. Mit dem Fixieren geht das Spontane und Vorübergehende verloren, der Entwurf wird zum Objekt. Wäckerlin greift Richard Sennet auf, der das Handwerk als den Wunsch bezeichnete, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen gut zu machen. Die Langsamkeit, die intensive Auseinandersetzung mit dem Material, die Möglichkeit, einen Entwurf noch in der Fertigung anzupassen – die Art, wie Köhle arbeitet, weckt Sehnsüchte bei den anwesenden Architektinnen und Architekten.
Aus den Acht Hölzli entwickelte Köhle einen Tisch für den Innenhof. Von der Seite wirkt er beinahe filigran, die kreuzweise aufeinanderliegenden Bretter erlauben unerwartete Durchblicke. Erst von der expressiven Treppe her wird seine wahre Grösse und seine Massivität sichtbar. Das warme Teakholz nimmt Bezug auf die Architektur und bildet eine wohltuende Pause zur Sichtbetonfassade und dem grauen Terrassenboden.


Bis ein Tisch so selbstverständlich da steht, passieren unzählige Entscheidungen und Handgriffe. Köhle lädt das Publikum ein, diesen Prozess zu begleiten. An die Besprechung mit dem Kunden bringt er bereits Modelle mit, angepasst auf den Ort, auf die spezifischen Masse. Ist die Richtung bestimmt, geht es in der Werkstatt weiter. Wie gross ist der Abstand zwischen den Balken? Wo werden die Füsse platziert, um den leicht abschüssigen Boden auszugleichen? In welchem Winkel werden die Hölzer für ausreichende Beinfreiheit abgeschrägt? Und nicht zuletzt: Lässt sich überhaupt ein geeignetes Brett aus dem Stamm gewinnen?
Köhle spricht bedacht und zurückhaltend. Er weiss um die Besonderheit seiner Rolle, die auf viel Beziehungsarbeit aufbaut – und auf Vertrauen. Wäckerlin betont diesen Aspekt besonders, das Vertrauen als Vorleistung des Kunden an den Gestalter, dass er eine Lösung finden wird, die passender ist als alles, was er sich bei Vitra aussuchen könnte.

Köhle arbeitet in seiner Werkstatt mit traditionellen Maschinen, nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil er sie verhältnismässig günstig erstehen konnte und selbst wieder fit gemacht hat. In den 80ern, als er die Lehre machte, war die «Striebig» – eine Schweizer Erfindung – der Goldstandard für gerade Schnitte und rechte Winkel. Heute ist sie weitgehend von CNC-Fräsen ersetzt worden. Köhle nutzt seine «Striebig» auch mal unkonventionell und spannt ein Brett diagonal ein. Wäckerlin eröffnet eine neue Perspektive auf Köhles reduzierten Maschinenpark: Liegt in dieser selbstgewählten Beschränkung nicht gerade der Ursprung seiner Kreativität?
Wäckerlins Bewunderung dafür, was Köhle alles selbst fertigt, entgegnet dieser mit seinem gewohnten Pragmatismus: Wenn er es nicht selbst machen würde, ginge es gar nicht. Die Schraubzwingen sind seine zusätzlichen Hände. Seit sein Spritzmeister des Vertrauens geschlossen hat, malt Köhle seine Objekte selbst, und macht es gerne. Köhle betont aber auch, dass er kein einsamer Arbeiter sei. Seine Auftragsarbeiten entstehen im engen Austausch mit den Auftraggebenden und beteiligten Architektinnen und Architekten.

Wie unterschiedlich sich das Motiv des Tisches interpretieren lässt, zeigt das nächste Projekt. Vom Horizontalen führt er ins Vertikale: Eine abstrakte, hohle Platte, ein Farbträger, wie Köhle sie nennt, steht auf vier Beinchen, die unten angeschrägt sind. Wäckerlin sieht sofort Gazellenfüsschen, jederzeit bereit, loszurennen. Diese Art kastenartige Hohlkörper beschäftigt Köhle, es ermöglicht ein Objekt im Raum, mit rechten Winkeln oder freier, polygonal, mit oder ohne Nutzung, ein Tisch, ein Regal, oder als Selbstzweck.

Eine Kombination aus Hohlkörper, schwebender Tischplatte und zwei konisch zulaufenden Kanthölzern als Unterbau kam für einen besonderen Auftrag in Paris zum Einsatz: Ein junger Schneider richtete sein Atelier ein, in dem er Anzüge nach Mass fertigt. Köhles Tisch steht selbstbewusst im Raum, die Esche vom Zürichsee ein heller Kontrast zum Mahagony und Rio-Palisander des Täfers, mit stoffbezogener Tischplatte, zur Wand hin funktioniert er als Werkbank, zum Raum als Showcase. Der Schreiner und der Schneider, so unterschiedlich ihre Tätigkeiten auf den ersten Blick erscheinen mögen, so gleich ist ihre Einstellung zum Handwerk. In der Mitte standen die Architekten, die das Atelier mit einem frischen Verständnis zu Denkmalpflege für die neue Nutzung transformierten. Im «Backstage» kommt dafür Köhles weitere Expertise zum Einsatz. Die sternförmig angeordneten Leuchtröhren erlauben eine gleichmässige Ausleuchtung des Raums, die rosa Farbgebung taucht den Raum in eine beinahe traumartige Atmosphäre.


In der Schulanlage Spiegelfeld in Binningen arbeitete Köhle mit Vischer Architekten zusammen. Die Schulanlage von Rasser + Vadi, 1965 fertiggestellt, musste mit der Sanierung neue Sicherheitsanforderungen erfüllen. Ein klassisches Problem dabei: zu niedrige Treppengeländer. Köhle baute die Geländer im Atelier nach, erst im Modell wird erkennbar, dass es ein einziges, langes Band ist, das sich über alle Geschosse faltet.
Das Modell ermöglichte einen frischen Blick auf das Projekt. In der Überarbeitung verschwand der Holzhandlauf zugunsten eines monolithischeren Ausdrucks, die Erhöhung wurde im trockenbau und fugenlos umgesetzt – in einer Illusion von Beton, ganz so, wie es die Architekten ursprünglich gewünscht hatten, aber aufgrund des Gewichts nicht umsetzen konnten. Köhle brachte verschiedene Gelbmischungen vor, nach ausgiebiger Bemusterung auf der Baustelle einigten sich die Bauherrschaft, Denkmalpflege und Architekten auf ein leuchtendes Signalgelb. Das Geländerband in glänzender Farbe bildet ein Highlight im reduzierten Sichtbeton. Köhle berichtet von der Begeisterung des Malers, der nach monatelangem Spachteln etwas anderes als grau streichen durfte – die geteilte Freude am Handwerk.



Diese Direktheit, das Farbmuster auf der Baustelle, das gefällt auch Wäckerlin. Er hebt die Qualitäten dieser Art der Entscheidungsfindung hervor, doch Köhle hält dagegen. Die Farbigkeit, der Lichteinfall liesse sich mittlerweile sehr gut im digitalen 3D-Modell simulieren. Seine Neugier dafür ist spürbar und ohne Wertung. Die Fragen zur Zukunft des Handwerks treiben ihn um: Produktionsprozesse werden zunehmend automatisiert und schematisiert, immer weiter weg vom Körperlichen, vom Material. Gutes Handwerk geht wirtschaftlich nicht mehr auf, es ist zum Luxus geworden. Gleichzeitig wehrt sich Köhle gegen die nostalgische Fraktion, die der Produktion der Vergangenheit nachtrauert. Damit findet keine Transformation in die Gegenwart statt, sondern das Handwerk wird, wenn überhaupt, in den Hobbybereich verbannt.
Köhle weiss, seine Art, die Dinge zu sehen und machen, ist nicht skalierbar. Seine Nische hat er im Denkmalpflegebereich und mit Direktaufträgen von anspruchsvollen Kunden gefunden. Er vergleicht seine Arbeit mit guten Brötchen aus der Bio-Bäckerei, die ihren Preis haben und darum nur sonntags, dafür mit bewusstem Genuss, gegessen werden, während es unter der Woche das Brot vom Grossverteiler gibt. Das eine muss das andere nicht ausschliessen, es gäbe durchaus herausragende, poetische und sinnliche Objekte, die mit modernen Maschinen hergestellt werden, wo zu keinem Moment ein Mensch das Material direkt bearbeitet. Köhle denkt laut darüber nach, dass es ein besonderer Moment ist, zu dem er wirkt – diese Kombination aus günstiger Werkstatt, gebrauchten Maschinen und persönlichem Netzwerk gibt es kein zweites Mal. Er wird mit seiner Arbeitsweise die Ausnahme bleiben, oder vielleicht gar, der letzte seiner Art.

























